Archäotop Hohe Birga

04. bis 5. Mai  2019

Auf rätischen und frühchristlichen Spuren durch das Trentino und die Lombardei

Am ersten Maiwochenende trotzten wir Kälte, Regen, Sturm und Schnee und fuhren mit 28 Mitgliedern und Freunden des Vereins Archäotop Hohe Birga über den Brenner in das frühere rätische Gebiet südlich der Alpen.

In dem kleinen auf einem Hochplateau gelegenen Dorf Sanzeno im Val di Non oder Nonstal, dem Stammgebiet der rätischen Gruppe der Anauni, besuchten wir zunächst die dortige Kirche mit der Grabstätte der drei Missionare Martyrius, Alexander und Sisinus (Sankt Sinnen, der Namensgeber des Ortes), bevor wir uns in einem Dorfgasthaus an Produkten der regionalen Küche begeistern konnten. Mit unserem Führer David wanderten wir dann hinauf zur Einsiedelei des Hl. Romedius. Dieser Heilige des 11. nachchristlichen Jahrhunderts stammte vermutlich aus der Familie der Andechser und war in Thaur bei Innsbruck beheimatet. Über seiner Grabstätte wurde im 11. Jahrhundert eine erste Kapelle erbaut, an die im Laufe der Jahrhunderte noch drei weitere Kirchen und zwei Kapellen sowie sieben Stationen der Passion Christi hinzugefügt wurden. So wurde auf einem schroffen Felsen ein sakrales Ensemble erschaffen, das auch die tiefe Gläubigkeit der Wallfahrer und der Bevölkerung des Nonstals widerspiegelt. Im Anschluss besuchten wir das Museo Retico in Sanzeno, das rätische Museum der Gemeinde. Die dortige Dauerausstellung schlängelt sich entlang eines didaktischen Pfades, „Brunnen der Zeit“ genannt, durch den modernen Museumsbau, der inmitten des Ausgrabungsgeländes errichtet wurde. Der Pfad beginnt im Untergeschoss des Gebäudes und zieht sich spiralförmig nach oben und zeigt die gesamte Geschichte des Val di Non: ausgehend von den Funden des Neolithikums und der Bronzezeit werden rätische und römische Zeugnisse gezeigt und schließlich die Funde der gotischen und langobardischen Kultur des Hochmittelalters. Dieser Fundort wurde gemeinsam mit Fritzens im Unterinntal namengebend für die Fritzens-Sanzeno Kultur der jüngeren Eisenzeit, von der auch die rätische Siedlung auf der Hohen Birga wesentlich geprägt wurde. Somit stießen die Ausführungen unseres Führers David auf reges Interesse unserer Gruppe, immer wieder stießen wir auf Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit dem Fundspektrum des Rätermuseums in Birgitz. Über den Tonale Pass erreichten wir bei Sturm und Schneeregen von Norden kommend das Val Camonica oder auch Tal der Camunen, ebenfalls eine rätische Gruppe am Rande des zentral rätischen Raums. Hier bezogen wir unser Hotel und verbrachten dort den Abend bei Köstlichkeiten der regionalen Küche und bester Stimmung. Am zweiten Tag unserer Fahrt wurden wir sachkundig von unserer Führerin Vanessa begleitet. Das Val Camonica birgt eine der größten Sammlungen weltweit an prähistorischen Felsenzeichnungen und wurde 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt. Mit dem Besuch des Nationalparks Naquane und des Nationalparks der Cemmofelsen in Capo di Ponte traten wir eine Reise in die Vergangenheit an, die sich über 8000 Jahre, von der Mittelsteinzeit bis in das Mittelalter, erstreckt. Ohne Übertreibung können diese Zeichen der Vergangenheit als nichtschriftliches Archiv der europäischen Geschichte gewertet werden, das auch unsere Gruppe nachdrücklich beeindruckte. Nach einem ausgiebigen rustikalen Mittagsmahl in Capo di Ponte besuchten wir die romanische Kirche San Salvatore aus dem 11. Jahrhundert, dem früher ein Kloster, ein Priorat von Cluny, angeschlossen war. Wir staunten vor allem über die ornamentalen Verzierungen der inneren Kapitelle und der Torskulpturen, über Greifvögel, Sirenen und andere Fabelwesen sowie den lichtdurchfluteten Kirchenbau, der von außen einen so kompakten geschlossenen Anblick bietet. Zum Abschluss unserer Fahrt besuchten wir mit unserer Führerin Vanessa noch das MUPRE, das Archäologische Nationalmuseum des Val Camonica in Capo di Ponte, und staunten vor den Vitrinen über die Objekte aus der Ur- und Frühgeschichte, die in diesem Tal den Weg in das Licht der Gegenwart gefunden haben.

Den weiten Weg zurück in das Westliche Mittelgebirge verbrachten wir bei angeregtem Gespräch. Das Anliegen des Vereinsvorstands, seinen Mitgliedern aussagekräftige Orte der rätischen Geschichte nahe zu bringen, scheint auch mit dieser Fahrt erfolgreich umgesetzt worden zu sein.